Gehirnentwicklung in den ersten Lebensjahren eines Kleinkindes

Gehirnentwicklung in den ersten Lebensjahren eines Kleinkindes

Gehirnentwicklung eines Kleinkindes

Welche Relevanz hat die Gehirnentwicklung für die pädagogische Arbeit von Fachkräften im Elementarbereich?

Mit den Fragen der Neurobiologie beschäftigen sich PädagogeInnen zunehmend um zu wissen wie Kinder lernen. Denn nur durch das Wissen darüber wie Kinder lernen, können Bildungsprozesse gestaltet werden.  Aber was bedeutet das?

Das Kind kommt mit zwei Grundbedürfnisse auf die Welt. Diese Grundbedürfnisse und zugleich Grunderfahrungen sind fest im Gehirn des Kindes verankert. Das Kind macht erstens die Erfahrung bereits im Mutterleib von engster Verbundenheit und zweitens die Erfahrung durch die Sicherheit der Verbundenheit immer wieder neu über sichhinauswachsen zu können. (vgl. Hüther/Nitsch 2008, S. 19). Mit diesen Vorerfahrungen entsteht die Grundlage von Vertrauen, Offenheit und Lernfähigkeit. Das Kind macht sich also auf den Weg die Welt zu entdecken. Die dem Kind anvertrauten Bezugspersonen stehen in der Verantwortung das Kind dabei zu begleiten und zu unterstützen den ständigen Drang neues zu lernen und neues zu entdecken zu unterstützen. Durch diese Anregungen entstehen im Gehirn Verschaltungsmuster. „Die Sinne vermitteln unserem Gehirn Informationen, die im Gehirn abgespeichert werden. Jeder neue Sinnesreiz wird mit den bereits abgespeicherten Inhalten sowie dem Kontext im aktuellen Erleben abgeglichen und auf dieser Grundlage bewertet. Diese Prozesse geschehen alltäglich und lebenslang, und durch diese Prozesse erhält das sinnhafte Wahrgenommene seine individuelle Bedeutung für den jeweiligen Menschen“ (Malaizier/Stotkötter 2018:10)

Das Gehirn und seine Möglichkeiten:

Die aktuelle Gehirnforschung, darunter renommierte Gehirnforscher wie zum Beispiel Dr. Gerald Hüther sagen: “Die Fähigkeiten und Funktionen des Gehirns entwickeln sich stufenweise. Eine Stufe baut auf die andere auf.” (Hüther)

  1. Die älteste Stufe ist das Stammhirn. Das ist von Geburt an voll ausgebildet. Es steuert z.B. Körperfunktionen, Atmung, sexuelle Entwicklung.
  2. Die zweite Stufe ist das limbische System. Dieser Teil des Gehirns verarbeitet alle Wahrnehmungen zu Gefühlen, Bewertungen und persönlichen Eindrücken. Es umfasst mehrere Gehirnregionen die bedeutsamen Zusammenhänge bilden:
    1. Die Amygdala spielt eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und dem 

(Wieder-) Erkennen von Situationen und der Analyse von Gefahren.

  1. Der Thalamus funktioniert als Filter für die Reize und kontrolliert so die Sinneswahrnehmungen.
  2. Im Hippocampus werden die gefilterten Restreize (Lerninhalte) aufgenommen und vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis übertragen.

Der dritte Teil des Gehirns ist der Neocortex. Hierfür ist das Zusammenspiel zwischen dem limbischen System und dem Neocortex entscheidend. Der entwicklungsgeschichtlich gesehene jüngste Teil unseres Nervensystems ermöglicht höhere Funktionen, wie zum Beispiel: Bewusstsein, Gedächtnis, Willen und Kreativität.

Funktionen des Gehirns:

Das Kind nimmt alle Reize aus der Außenumwelt über die Sinnesorgane Haut, Auge, Ohr, Nase und Zunge auf. Die so gewonnenen Sinneserfahrungen werden in den Gehirnzellen gespeichert und verarbeitet. Es müssen die emotionalen Zentren aktiviert werden. Dabei handelt es sich um Zellgruppen mit langen Fortsätzen. An den Enden dieser Fortsätze werden immer dann Neuroplastische Botenstoffe ausgesetzt, wenn sich ein Kind so richtig für etwas begeistert, interessiert oder sich über etwas freut. 

Das erleben Kinder immer dann wenn:

1. Das, was sie erleben und tun, muss unter die Haut gehen, es muss die Kinder leibsinnlich berühren.

2. Es muss sinnhaft sein. Die Kinder müssen Sinnstiftendes tun dürfen und auch ein wenig die Welt verbessern.

3. Es muss Erfahrungsorientiert sein. Learning by doing!

Deshalb: Je mehr sinnlich wahrnehmbare Erfahrung Kinder in der sensiblen Phase der Lernentwicklung machen können, desto stärker wachsen die Gehirnzellen und desto besser können Kinder lernen. Das bedeutet, dass Kompetenzen nicht dadurch gefördert werden, dass man sie in Trainingseinheiten übt, vielmehr brauchen insbesondere Kinder vielfältige Gelegenheiten, in denen sie sich immer neu bilden können. „Eine entscheidende Rolle für das subjektive Erleben von Sinneseindrücken spielt die Dauer der Aufmerksamkeit auf die jeweiligen Reize. Das sinnlich Wahrgenommene erhält dadurch mehr oder weniger an Bedeutung“ (Malaizier/Stotkötter 2018:12)

Die Grundlage: Das Gehirn

Im ganzheitlichen erleben, bauen Kinder persönliche Beziehungen zu Dingen, Menschen und Vorgängen auf. Kinder lernen in Beziehungen! Die Grundlage zu lernen ist eine Eigenschaft des Gehirns. Wissen, Fertigkeiten, Erinnerungen, Einstellungen, Emotionale Reaktionsmuster sind durch Nervenzellen und deren Verbindungen repräsentiert. Jede Erfahrung verändert das. 

Bei neuem Wissen entstehen neue Nervenzellen, Verbindungen und die Informationen werden gespeichert. Lernprozesse bei Kindern laufen in den ersten sechs Jahren rasant. Weil besonders in dieser Altersspanne, Bereiche im Gehirn besonders offen für Veränderungen sind. Die Nervenzellenverbindungen wuchern nur so, deswegen lernen Kinder so schnell sprechen. Hierfür brauchen sie aber auch ein sprechendes Umfeld. Die Nervenzellenverbindungen müssen trainiert werden. Wenn das nicht der Fall ist, verkümmern sie. Die ersten sechs Jahre eines Menschen, werden deshalb als die sensible Phase der Lernentwicklung genannt.

Warum ist das Wissen so wichtig für die pädagogische Arbeit?

Bei Kindern in den ersten drei Lebensjahren ist die Hirnentwicklung im hohen Ausmaß von den emotionalen, sozialen und intellektuellen Fähigkeiten erwachsener Bezugspersonen abhängig.

Das Kind nimmt alle Reize aus der Außenwelt über die Sinnesorgane Haut, Auge, Ohr, Nase, Zunge auf. Die so gewonnenen Sinneserfahrungen werden in den Gehirnzellen gespeichert und verarbeitet.

Das Großhirn, genauer gesagt die Großhirnrinde, ist derjenige Hirnbereich, in dem dieses neue Wissen in Form bestimmter Beziehungsmuster zwischen den Nervenzellen verankert wird.

Im Laufe der Entwicklung entsteht dann ein eigenes Selbstkonzept über Bindung, entstanden aus den bisherigen Bindungserfahrungen gegenüber Bezugspersonen. Wenn ein Kind also positive Bindungserfahrungen gemacht hat, kann es zunehmend auch Trennungsversuche akzeptieren. Das Kind weiß, dass seine Bezugsperson generell verfügbar ist. „Ein Kind, das Bindungsverhalten zeigt und daher das Fürsorgeverhalten seiner Bezugsperson auf sich lenken will, kann nicht gleichzeitig die Umwelt erkunden“ (Lohaus/Vierhaus 2015, S. 110). Gute Bedingungen für Explorationsverhalten zeigt ein Kind, dass in seinen Bedürfnissen gesättigt ist.

Durch gute qualitative Bindungserfahrungen können sich neuronale Bahnen differenzierter ausbilden und vernetzen. Pädagogen sollten für eine sichere und stabile Bindung zwischen Bezugspersonen und Kindern sorgen. In der sozialen Interaktion mit Kindern müssen PädagogInnen auf folgendes achten:

  1. Zu beachten ist es dem Kind Zuverlässigkeit und Ruhe zu geben. 
  2. Das Kind zu beobachten ohne zu bewerten. 
  3. Die Beobachtungen und gewonnenen Erkenntnisse für Angebote umsetzen. 
  4. Und die Bedürfnisse wie Nähe, Distanz und Rückzugsmöglichkeiten anzubieten. 

Gibt es ein Mangel an emotionaler Zuwendung, kann dieses erheblichen Schaden für die weitere Entwicklung des Kindes zur Folge haben. „In der zuletzt entwickelten Hirnregion, dem Präfrontalkortex, wird das Maximum der Nervenzellen Verschaltungen erst im zweiten Lebensjahr erreicht. Wird der Ablauf dieser Reifungsprozesse gestört, etwa durch einen Mangel an emotionaler Zuwendung, an Aufmerksamkeit oder durch Überforderung, dann wirkt sich diese Störung nachhaltig auf alle folgenden Reifungsschritte in den Hirnregionen aus, die von dieser Störung betroffen sind“ (Hüther/Nitsch 2008, S. 52).

Neuronale Straßenbahnen entstehen durch positive Bindungserfahrungen

Wächst ein Kind in einer Familie auf, die mit einem differenzierten Fürsorgesystem auf die Bedürfnisse des Kindes reagieren und das Kind entsprechend Geborgenheit und Sicherheit bekommt, so können durch positive Erfahrungen, Verschaltungen in dem Gehirn gebahnt und gefestigt werden. „Wie bereits erwähnt gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem kleinkindlichen und dem erwachsenen Bindungstyp, wobei Letzterer auch die Art und Weise einschließt, wie man sich gegenüber den eigenen Kindern bindungsmäßig verhält“ (Roth 2015: 80). Aus diesem Grund sind intensive frühkindliche Erfahrungen für die Vernetzung von Nervenbahnen im Gehirn bedeutsam für die weitere Entwicklung.

Wissenschaftliche Erkenntnisse über Spiegelneuronen

Dass Lernen primär durch Beziehungen stattfindet, zeigen auch neurobiologische Befunde über Spiegelneuronen. Das Verhalten von Empathie und einfühlendes Verstehen gelingt insbesondere durch Spiegelneuronen, die in verschiedenen Hirnarealen angesiedelt sind. Die Spiegelneuronen tragen in unserem Gehirn dazu bei, dass wir durch die Beobachtung anderer Personen zu dem gleichen Verhalten animiert werden. Das geschieht völlig unbewusst und spontan.„Spiegelneuronen sind Nervenzellen im Gehirn, die Gefühle und Stimmungen anderer Menschen widerspiegeln. Das Einmalige an den Nervenzellen ist, dass sie bereits Signale aussenden, wenn jemand eine Handlung nur beobachtet. Die Nervenzellen reagieren genauso, als ob man das Gesehene selbst ausgeführt hätte“ (Hinke-Ruhnau 2013: 57) Erzieherinnen sind für die Kinder Vorbilder. Die Kinder lernen durch Imitation. Je öfter eine Erzieherin ein bestimmtes Verhalten zeigt, desto selbstverständlicher wird dieses Verhalten übernommen. Das funktioniert über die Spiegelneuronen im Gehirn. Bei Kindern unter drei Jahren sind die Spiegelneuronen für die Bindungs- und Beziehungspflege besonders bedeutsam. Aber auch bei den Erzieherinnen passiert etwas und die Spiegelneuronen werden aktiviert. Die Erzieherinnen passen sich sehr schnell dem Verhalten der Kinder an. Ein Lächeln des Kindes bewirkt auch bei den Erziehenden ein Lächeln. Wenn ein Kind gefüttert wird, öffnet der Erwachsene automatisch den Mund und das Kind ahmt dieses Verhalten schnell nach. Bedeutsam ist es die Signale der Kinder zu beobachten, zu erkennen und prombt auf die Bedürfnisse adäquat einzugehen. Kleinkinder benötigen Erzieherinnen die mit Feingefühl und Achtsamkeit die Kinder auf Ihrem Weg der Entwicklung begleiten und somit die Gehirnentwicklung der Kinder positiv unterstützen. Für die Fachkräfte ist das Wissen über neurobiologische Erkenntnisse bedeutsam, da es für die pädagogische Arbeit das Fundament darstellt. 

Wissenswertes zum Autor:

Marco Lehmann ist ausgebildeter Kinderpfleger, staatlich anerkannter Erzieher, Fachwirt für den Erziehungsdienst und Sozialarbeiter/Sozialpädagoge B.A. 

Marco Lehmann ist tätig als angestellter Fachberater für Kindertageseinrichtungen und Fortbildner von pädagogischen Fachkräften. Schwerpunkte seiner Arbeit liegen im Bereich des Gehirngerechten Lernen, der Konzeptionserstellung und Teamentwicklung für Kindertageseinrichtungen. 

Literaturverzeichnis:

Hüther, Gerald/Nitsch, Cornelia (2008): Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden. Gräfe und unzer Verlag, GmbH: München.

Hinke-Ruhnau, Jutta (2013): Fachberatung für die Kita – Praxis. Vom Bildungsplan zur Konzeption. Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG: Göttingen.

Lohaus, Arnold/ Vierhaus, Marc (2015): Entwicklungspsychologie. Springer-Verlag: Berlin Heidelberg.

Malaizier/Stotkötter (2018): „Fünfter, sechster, siebter Sinn – Dem Spüren auf der Spur“ in „Ästhetische Bildung – Sinnliche Wahrnehmung“ Fachzeitschrift Theorie und Praxis der Sozialpädagogik (TPS). 

Roth, Gerhard (2015): Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt. Klett-Cotta: Stuttgart. 

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