Identitätsentwicklung von Jungen: was sie heute für ein gesundes Aufwachsen brauchen

Identitätsentwicklung von Jungen: was sie heute für ein gesundes Aufwachsen brauchen

Was Jungen brauchen

Strenge Erziehung oder Orientierung an den Bedürfnissen von Jungen?

Lukas (4) baut im Gruppenraum aus Stühlen und Decken eine Höhle. Kurz darauf klettert er auf einen kleinen Schrank, um einen Karton zu erreichen. Dabei fällt dieser herunter und verteilt seinen Inhalt im ganzen Raum. Die Erzieherin unterbricht die Situation und fragt sich, warum Lukas immer wieder Grenzen austestet. Ist er besonders unruhig? Fehlt ihm die Konzentration? Oder steckt vielleicht etwas ganz anderes hinter seinem Verhalten? Vielleicht erzählt sein Verhalten gerade mehr über seine Entwicklung als über sein Benehmen. Die gute Nachricht vorweg: Ein solches Verhalten gehört im Kindergartenalter häufig zur normalen Entwicklung. Doch was bedeutet das konkret? Viele Eltern und pädagogische Fachkräfte kennen ähnliche Situationen aus ihrem Alltag. Jungen entdecken ihre Umwelt mit großer Neugier durch Bewegung, eigenes Ausprobieren und praktische Erfahrungen. Gerade dieses aktive Entdecken unterstützt ihre motorische, kognitive und soziale Entwicklung. Statt den Entdeckerdrang vorschnell als Problem zu bewerten, lohnt es sich, die Bedürfnisse hinter dem Verhalten zu verstehen und Jungen mit klaren Grenzen, Orientierung und einer wertschätzenden Begleitung auf ihrem Entwicklungsweg zu unterstützen. Denn genau diese Erfahrungen bilden eine wichtige Grundlage für eine gesunde Identitätsentwicklung. (Steve Biddulph, Kapitel 2 Seite 18, 2013)

Warum Jungen sichere Bindungen brauchen

Bewegung allein reicht jedoch nicht für eine gesunde Entwicklung aus. Ebenso wichtig sind verlässliche Beziehungen, die Jungen Orientierung, Vertrauen und emotionale Sicherheit geben. Jungen brauchen genauso viel Nähe wie Mädchen. Eine wichtige Rolle können dabei auch Väter und andere männliche Bezugspersonen spielen, da sie häufig andere Erfahrungen und Perspektiven vermitteln. Bereits Albert Bandura konnte mit seinen Studien zum Lernen am Modell bestätigen, dass primär das Lernen durch Beobachtung und Nachahmung stattfindet. Jungen lernen von „männlichen Vorbildern“ auf dem Weg ihrer Persönlichkeitsentwicklung und zur Bildung ihres Geschlechts. Sie benötigen frühe Bindungserfahrungen und Väter, die sie annehmen, wie sie sind. Väter die emotional anwesend sind und ihre Gefühle gegenüber den Jungs zeigen können. So können auch Jungs lernen, dass es etwas ganz Normales ist Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Entscheidend ist jedoch, dass Jungen vielfältige Vorbilder erleben, die sie wertschätzend begleiten und ihnen unterschiedliche Wege aufzeigen, ihre eigene Identität zu entwickeln. (Steve Biddulph, Kapitel 1 Seite 3-4, 2014; DJI Seite 12, 2007; bmbfsfj Seite 131-134, 2013)

Ein Junge benötigt für den Entwicklungsprozess vom Jungen zum Teenager und dann zum Mann auch Männer und deren verschiedenen Verhaltensantworten, die sich um ihre Jungen kümmern. Nur so kann ein Junge für seine eigene Identität auch eigene Antworten finden.

Zwischen Rollenbildern und eigener Identität

Viele Jungen hören schon früh Aussagen wie „Ein Junge weint nicht“, „Sei stark“ oder „Stell dich nicht so an“. Solche Botschaften können dazu führen, dass sie Gefühle unterdrücken und sich an starre Rollenerwartungen anpassen. Umso wichtiger ist eine geschlechtersensible Pädagogik, die Jungen in ihrer Individualität wahrnimmt, statt sie in Klischees einzuordnen. Sie brauchen die Möglichkeit, ihren eigenen Weg zu finden, Verantwortung zu übernehmen und Gefühle zu zeigen. Verlässliche Bezugspersonen und vielfältige Vorbilder geben dabei Orientierung und zeigen, dass Männlichkeit viele Facetten haben kann. Denn Kinder lernen vor allem durch das Verhalten der Erwachsenen – Respekt, Empathie und ein wertschätzender Umgang sind deshalb die wichtigsten Vorbilder. (Gerald Hüther Interview, Absatz 4, 2009; DJI Seite 32- 34, 2007; bmbfsfj Seite 115-122, 2013)

Hierarchie, Wettbewerb und Zusammenhalt

Mit zunehmendem Alter gewinnen neben der Familie auch Freundschaften und das soziale Umfeld an Bedeutung. Sie prägen, wie Jungen ihre Identität entwickeln und ihren Platz in der Gemeinschaft finden. Freundschaften sind häufig stärker von gemeinsamen Aktivitäten, Wettbewerb und klaren Hierarchien geprägt. In einigen Gruppen können dominante Verhaltensweisen dazu führen, dass andere Jungen häufiger unterbrochen, ausgegrenzt oder verspottet werden. Umso wichtiger ist es, Jungen in ihrer sozialen Kompetenz zu stärken und ihnen einen respektvollen und wertschätzenden Umgang miteinander vorzuleben. Gleichzeitig stellt auch die Gesundheit ein wichtiger Aspekt dar. Jungen zeigen im Durchschnitt häufiger risikoreiches Verhalten, etwa durch Mutproben oder Unfälle. Umso wichtiger ist es, ihnen früh einen verantwortungsvollen Umgang mit sich selbst und anderen zu vermitteln. (DJI Seite 35, 2007; bmbfsfj Seite 35-38 und 44-46 und 137-146; 2013)

Individuelle Förderung statt Vorurteile

Mit dem Eintritt in die Kita und später in die Schule kommen neue Herausforderungen hinzu. Auch dort prägen Beziehungen, Erfahrungen und Lernbedingungen die Identitätsentwicklung von Jungen. Doch wie zeigt sich das im Verhalten von Jungen? Studien zeigen, dass sich Jungen im Durchschnitt in einigen Bereichen – insbesondere sprachlich – etwas langsamer entwickeln als Mädchen. Gleichzeitig benötigen sie keine pauschalen Erwartungen, sondern eine individuelle Förderung, die ihre Stärken und ihr Entwicklungstempo berücksichtigt. Lernen gelingt besonders dann, wenn Kinder mit Begeisterung eigene Erfahrungen sammeln können. Viele Jungen profitieren dabei von bewegungsorientierten und praktischen Lernformen. Ebenso wichtig ist es, ihnen vielfältige Zukunftsperspektiven aufzuzeigen und ihre Interessen unabhängig von traditionellen Rollenbildern zu fördern. (Vgl. Steve Biddulph, Kapitel 1 Seite 1-2, 2013; DJI Seite 15-18, 2007; bmbfsfj Seite 41-44 und 177-191, 2013)

Was bedeuten diese Erkenntnisse nun für den Alltag?
Wie können Eltern, Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrkräfte Jungen dabei unterstützen, eine gesunde Identität zu entwickeln und positiv aufzuwachsen?

1. Jungen als individuelle Persönlichkeiten wahrnehmen.

– Sie sind keine Problemgruppe. Viel wichtiger ist es, ihre Stärken zu fördern, Ihre individuellen Bedürfnisse ernst zu nehmen und eine Entwicklung Abseits von Geschlechterklischees zu ermöglichen

2. Jungen nicht auf Rollenbilder reduzieren.

– Keine neuen Klischees. Jungen sollen verschiedene Formen von   Männlichkeit leben dürfen. Individualität ist wichtiger als veraltete Rollenbilder.

3. Selbstwert und Selbstvertrauen stärken

– Heute nehmen Jungs viele Veränderungen wahr. Darunter veränderte Rollenbilder, mehr freie Wahl, aber es resultiert daraus auch die Unsicherheit über gesellschaftlichen Erwartungen an Männern.

4. Gefühle ernst nehmen und darüber sprechen

– Jungen lernen früh Werte kennen, die angeblich Männlichkeit auszeichnen. Dadurch entwickeln manche Schwierigkeiten, Gefühle wahrzunehmen und sich darüber zu äußern sowie Hilfe anzunehmen. Daher ist es von besonderer Bedeutung, Jungs zuzuhören und ihnen ihre Gefühle nicht abzusprechen. Gefühle müssen genannt und gelernt werden.

5. Probleme aufgreifen und Orientierung geben.

– Jungen verschweigen häufiger ihre Probleme oder überspielen sie. Seltener suchen sie Hilfe auf. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Hilfe suchen als Stärke vermittelt wird und Selbstreflexion sowie emotionale Kompetenzen gefördert werden.

Der Weg zu einer geschlechtersensiblen Begleitung

Jungen entwickeln sich in ihrem eigenen Tempo und entdecken ihre Umwelt häufig durch Bewegung und eigenes Ausprobieren. Statt sie mit Mädchen zu vergleichen oder sie an starre Vorstellungen von Männlichkeit anzupassen, brauchen sie Erwachsene, die ihre individuellen Stärken erkennen und sie wertschätzend auf ihrem Entwicklungsweg begleiten. (vgl.Biddulph, Hüther, BMFSFJ, DJI)

Was Jungen heute wirklich brauchen

1. Bewegung und Raum für Entdeckungen

2. Verlässliche Bindungen und männliche Bezugspersonen

3. Vielseitige Vorbilder

4. Gefühle lernen und ein verantwortungsvoller Umgang mit sich selbst

5. Individuelle Förderung in der Schule

Jungen wie Lukas (4) entwickeln ihre Identität nicht allein. Sie entsteht in Beziehungen, durch Erfahrungen und durch Erwachsene, die ihnen Vertrauen schenken. Wer Jungen versteht, bewertet nicht, sondern begleitete sie auf ihrem eigenen Weg – nicht in eine vorgegebene Rolle. So kann Lukas auch weiterhin Höhlen bauen, Abenteuer erleben Grenzen austesten und die Welt entdecken. Denn genau das brauchen Jungen und Mädchen gleichermaßen. 

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