Kindheit im Wandel der Zeit: Vom Spielen auf der Straße zur digitalen Welt

Die Kindheit ist ein faszinierender Lebensabschnitt, der sich über die Jahrzehnte hinweg stetig verändert hat und sich auch in Zukunft immer wieder verändern wird. Was noch vor einigen Jahrzehnten als typische Kindheitserfahrung galt, ist heute nicht mehr der Fall. Technologischer Fortschritt, gesellschaftliche Veränderungen und neue Erkenntnisse über die Entwicklung von Kindern haben das Bild der Kindheit stark verändert. Doch was genau hat sich verändert? Und was sagen Studien über das Verhalten von Kindern im Vergleich zu früher?
Kinder vor dem Bildschirm
Eine der offensichtlichsten Veränderungen, die die Kindheit heute prägen, ist die zunehmende Digitalisierung und der Einfluss von Medien. Smartphones, Tablets, Videospiele und soziale Netzwerke sind allgegenwärtig und haben eine tiefgreifende Wirkung auf das Leben von Kindern. So zeigt eine aktuelle Studie der OECD, dass Kinder recht früh in ihrem Leben mit digitalen Medien in Berührung kommen. 2021 verfügten 93 Prozent der 10-Jährigen laut Daten aus der Progress in International Reading Literacy Survey über einen Internetanschluss – zehn Jahre zuvor waren es nur 85 Prozent; ungefähr 70 Prozent von ihnen hatten bereits ein eigenes Smartphone. (OECD (2025), Besser leben – Kindliches Wohlergehen in einer digitalen Welt (Auszugsweise Übersetzung), OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/7aaf58dc-de). Früher hingegen waren die Jüngsten nach der Schule vor allem draußen unterwegs, spielten auf dem Hof oder in der Nachbarschaft. Der freie Spielraum war eine der wichtigsten Quellen für Kreativität, soziale Interaktionen und körperliche Aktivität.
Heute hingegen verbringen Kinder zunehmend mehr Zeit vor Bildschirmen, sei es durch das Anschauen von Videos, das Spielen von Online-Spielen oder die Interaktion in sozialen Medien. Kinder machen sich schon in sehr jungen Jahren mit Bildschirmen vertraut, und ihre Bildschirmzeit steigt dann rasant, wie die Autoren in einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (https://www.oecd.org/en/publications/how-s-life-for-children-in-the-digital-age_0854b900-en/full-report.html) schreiben. In der 2023 veröffentlichten „miniKIM“-Studie ging es um Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren: Hier rechneten die Autorinnen und Autoren aus, dass zwei- bis dreijährige Kinder im Schnitt 62 Minuten Bewegtbilder (Fernsehen, digitales Spielen, Videoportale und Streamingdienste) anschauen, vier- bis fünfjährige rund 72 Minuten (https://www.medienlabor-bielefeld.de/node/467).
Demnach verbringen Sieben- bis Zwölfjährige in Frankreich bereits mehr als zwei Stunden täglich am Bildschirm. 15-Jährige in Deutschland kommen bereits auf 48 Stunden wöchentlich, also fast sieben Stunden am Tag. Depressionen, ein ungesundes Körperbild oder Einsamkeit können die Folgen sein, warnt die Studie – auch wenn die Forschungslage nicht immer klar ist. Ein übermäßiger Medienkonsum kann darüber hinaus zu Problemen wie Bewegungsmangel, Schlafstörungen und einem Mangel an sozialen Interaktionen führen.
Das Mädchen muss an die frische Luft
Früher war es üblich, dass Kinder nach der Schule in den Park oder in den Wald gingen, um mit Freunden zu spielen. Das „Draußensein“ war ein fester Bestandteil der Kindheit und förderte sowohl die körperliche als auch die soziale Entwicklung. Heute ist der Außenspielraum oft weniger genutzt, da die Freizeitgestaltung zunehmend von Indoor-Aktivitäten und digitalen Medien dominiert wird.
Studien belegen regelmäßig, dass Kinder heutzutage nur noch etwa die Hälfte der Zeit draußen verbringen als noch vor 50 Jahren. Es wird immer schwieriger, Kinder zu motivieren, draußen zu spielen, was langfristige Auswirkungen auf die körperliche Fitness und das kreative Denken haben könnte. Gleichzeitig zeigen Studien jedoch, dass das Bedürfnis nach Bewegung und frischer Luft weiterhin stark ist – es mangelt oft nur an den richtigen Gelegenheiten oder den Anreizen, das Haus zu verlassen.
Und so ist es auch bei Luci. Sie ist sechs Jahre alt und wird noch in diesem Jahr eingeschult. Eigentlich sollte diese Zeit so kurz vor dem Schulstart eine sehr aufregende sein. Aber Luci scheint sich so gar nicht zu freuen. Sie zieht sich immer mehr zurück, spielt weniger mit ihren Freundinnen. Ihre Aufmerksamkeit schenkt sie den Bildschirmen in ihrem Kinderzimmer. Dabei spielt sie vor allem Ponyspiele, kämmt den Pferden die Mähne und reitet über Wiesen. Ein reales Pony hat sie dagegen schon lange nicht mehr gestreichelt. Ihren Eltern ist ihr Rückzug aus ihrem Freundeskreis bereits aufgefallen. Sie versuchen, Luci zu ermuntern, wieder mehr im Freien zu spielen.
Veränderte Familienstrukturen und Erziehungsstile
Ein weiterer wichtiger Faktor, der die Kindheit im Wandel beeinflusst, ist die Veränderung der Familienstrukturen. Heute gibt es eine Vielzahl an Familienmodellen: Alleinerziehende, Patchworkfamilien, gleichgeschlechtliche Elternpaare – die traditionelle Vorstellung der „Kernfamilie“ aus Mutter, Vater und Kindern ist längst nicht mehr die Norm. Diese Veränderungen haben Auswirkungen auf die Erziehung und die sozialen Erfahrungen von Kindern.
In vielen modernen Familien übernehmen beide Elternteile berufliche Verantwortung, was bedeutet, dass Kinder oft mehr Zeit in Kitas oder mit anderen Betreuungspersonen verbringen. Zudem sind Eltern heute zunehmend in der Frage, wie sie ihre Kinder erziehen, informierter, aber auch verunsicherter. Studien zeigen, dass Eltern heute viel stärker auf die psychische und emotionale Gesundheit ihrer Kinder achten als früher, was zu einem intensiveren Austausch und einer stärkeren Bindung führt. Die aktuelle Studie „Familie & Erziehung 2025“ der pronova BKK, für die bundesweit Eltern befragt wurden, zeichnet ein klares Bild: 87 Prozent der Eltern berichten, dass ihre Kinder unter Stress, Leistungsdruck oderÜberforderung leiden. Die häufigsten Auslöser: Schulstress, Medienüberreizung und zu wenig echteFreizeit. Und auch die Eltern selbst sind belastet – fast ein Drittel fühlt sich regelmäßig psychisch erschöpft (https://www.pronovabkk.de/unternehmen/presse/studien/familie-und-erziehung-2025.html).
Lucis Eltern driften geradewegs in eine Helikopter-Elternschaft ab, bei der sie ihr Kind übermäßig überwachen und in vielen Lebensbereichen ständig eingreifen. Es fällt ihnen schwer, ein gesundes Maß an Erziehung und Verantwortung zu finden. Lucis Selbstbewusstsein und ihre Fähigkeit, eigenständige Entscheidungen zu treffen, leiden darunter stark.
Achtsamkeit bereits im Kindergarten
Darüber hinaus ist in den letzten Jahren auch das Bewusstsein für psychische Gesundheit bei Kindern gestiegen. Studien zeigen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche unter Stress, Ängsten oder Depressionen leiden (https://www.dji.de/ueber-uns/themen/psychische-gesundheit.html). Gründe dafür sind unter anderem die ständige Erreichbarkeit durch digitale Medien, schulische und soziale Erwartungen sowie der Druck, in einer schnelllebigen, leistungsorientierten Gesellschaft zu bestehen.
Veränderte Strukturen in Kindertageseinrichtungen spielen zudem eine große Rolle bei der sich verändernden Kindheit. Dazu zählen Personalmangel, auch aufgrund langer Ausfallzeiten durch hohe Krankenstände, ein mangelndes Bildungsangebot, der Zeitdruck bei notwendigen Vor- und Nachbereitungszeiten, zu große Gruppen, verkürzte Betreuungszeiten und fehlende Ausstattung. Zu kurz kommen letztlich die Kleinen, die zu wenig Aufmerksamkeit und wenig Förderung erfahren.
Aber auch Armut gefährdet die psychische Gesundheit. Unter Kindern aus Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Status ist das Risiko psychischer Auffälligkeiten zwei- bis dreimal so hoch wie unter Kindern, deren Eltern einen hohen sozioökonomischen Status haben (Reiß, Franziska 2013: Socioeconomic inequalities and mental health problems in children and adolescents: a systematic review.). Auch auf den Schweregrad und die Dauer psychischer Erkrankungen wirkt sich ein geringer sozioökonomischer Status negativ aus. Oftmals bedingen sich entwicklungshemmende Faktoren gegenseitig. Die Stabilisierung von Familienbeziehungen ist ein wichtiger Faktor, um Problemen in der Entwicklung und der psychischen Gesundheit von Kindern in Armutslagen vorzubeugen. Aber auch die bessere gesundheitliche Versorgung der Kinder in von Armut betroffenen Familien muss ein wichtiges Anliegen sein.
Ein positives Zeichen ist, dass viele Schulen und Eltern heute stärker auf das Thema „Achtsamkeit“ und „Resilienz“ setzen. Programme, die Kindern helfen, ihre Emotionen zu verstehen und zu regulieren, werden immer häufiger eingesetzt. Achtsamkeitsübungen bei Kindern können zu einer besseren emotionalen Regulierung und weniger Stress führen.
Fazit: Was bleibt, was verändert sich?
Obwohl sich die Kindheit in vielerlei Hinsicht verändert hat, gibt es auch Aspekte, die immer gleichbleiben. Kinder brauchen Liebe, Fürsorge und eine sichere Umgebung, um sich zu entwickeln. Doch der Einfluss von Technologie, sozialen Netzwerken und veränderten Familienstrukturen hat neue Herausforderungen geschaffen.
Eine ausgewogene Mischung aus digitalen und realen Erlebnissen, aus elterlicher Nähe und Unabhängigkeit sowie aus emotionaler Unterstützung und freiem Spiel sind entscheidend für eine gesunde Entwicklung von Kindern. Die Herausforderung der modernen Kindheit liegt darin, den richtigen Umgang mit den Veränderungen zu finden, um eine gesunde und glückliche Kindheit zu ermöglichen. Digitale Medien können den Zugang zu Bildungsressourcen erweitern, die Themen der Welt für Kinder eröffnen und kreatives Lernen fördern, wenn sie im richtigen Maße eingesetzt werden.
Ob es Luci und ihren Eltern gelingen wird, wieder eine Veränderung im Spielverhalten der Tochter zu erzielen? Das Elternpaar hat sich fest vorgenommen, sich dabei professionelle Unterstützung zu suchen und die Themen richtig anzugehen.
Die Kindheit mag sich im Laufe der Jahre verändert haben, aber die Bedürfnisse der Kinder – Liebe, Geborgenheit, Enwicklung und freie Entfaltung – bleiben konstant.



